Bericht Plenum

8. PIUS-Länderkonferenz: Instrumente für mehr Nachhaltigkeit

  • Tarek Al-Wazir und Dr. Tanja Busse eröffnen die 8. PIUS Länderkonferenz. Foto: Dennis Möbus
  • Eröffnung im Plenum durch den hessichen Minister Tarek Al-Wazir. Foto: Dennis Möbus
  • Eröffnung an Tag 2 durch Staatssekretär Dr. Philipp Nimmermann
  • Keynote Beitrag von Dr. Mathis Wackernagel. Foto: Dennis Möbus

Aus weniger mehr machen – dies nannte Hessens Wirtschafts­minister Tarek Al-Wazir als Motto der Wirtschaft von morgen. In seiner Begrüßung zur 8. PIUS-Länder­konferenz plädierte er für die Entkopplung von Wirtschafts­wachstum und Ressourcen­verbrauch – eine Forderung, die sich wie ein roter Faden durch die beiden Veranstaltungstage zog.

Mit der PIUS-Länderkonferenz und anderen Initiativen zum produktions­integrierten Umwelt­schutz (kurz PIUS) zeigen Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg Wege in eine nachhaltige Wirtschaft auf. Das ist dringend nötig, denn bislang halten nur etwa acht Prozent der europäischen Unternehmen die Klima­ziele ein, wie Dr. Philipp Nimmermann, Staatssekretär im Hessischen Wirtschafts­ministerium, zur Eröffnung des zweiten Veranstaltungs­tages sagte. Die Politik müsse die Unternehmen unterstützen, aber auch eigene Aktivitäten nachhaltiger gestalten. Hessen geht mit gutem Beispiel voran: Die Landes­verwaltung solle bis 2030, das ganze Land bis 2050 klimaneutral sein, erklärte Nimmermann.

Al-Wazir wies darauf hin, dass die Menschheit schon seit langem die natürlichen Ressourcen schneller verbraucht, als die Erde sie regenerieren kann. So lag der sogenannte „Welt­erschöpfungstag“ vor 50 Jahren noch im Dezember, 2019 schon im Juli. Dr. Mathis Wackernagel, Präsident der Non-Profit-Organisation Global Footprint Network, die den Welt­erschöpfungs­tag berechnet, beleuchtete in seinem Plenar­vortrag „das doppelte Risiko der falschen Infrastruktur“: Wenn wir heute falsch investieren, etwa weiterhin in fossile Energien, schaden wir nicht nur der Umwelt, sondern schwächen uns auch wirtschaftlich.

 

Mehr Recycling, weniger Eigentum

Als entscheidend für die Entkopplung von Wachstum und Verbrauch nannte Keynote-Sprecher Dr. Janez Potočnik, Co-Vorsitzender des UNEP International Resource Panel, eine Kreis­lauf­wirtschaft, die Hersteller stärker in die Wieder­verwertung ihrer ausgedienten Produkte einbezieht. Eine Abkehr vom Besitz­denken bezeichnete er ebenfalls als förderlich für den Ressourcen­schutz. So bräuchten wir weder eigene Autos für unsere Mobilität noch eigene CDs, um Musik zu hören. Hilfreich ist, dass die fort­schreitende Digitali­sierung Sharing-Modelle erleichtert und die jüngere Generation weniger an Eigentum interessiert ist.

 

  • Dr. Janez Potočnik über „Decoupling growth from resource use and environmental impacts“
  • Dr. Christoph Epping über „Das Deutsche Ressourcen­effizienz­programm – Progress III“

 

Für die Umsetzung des „European Green Deal“, mit dem die EU bis 2050 Netto-Null-Emissionen an Treibhaus­gasen anstrebt, präsentierte Potočnik den „System Change Compass“, der über 50 förderungs­würdige Bereiche definiert, darunter der Ausbau der Wasser­stoff­wirtschaft und der digitalen Hoch­geschwindig­keits­infrastruktur. Potočnik hob hervor, dass eine Kreis­lauf­wirtschaft unabhängiger von Importen mache. Aktuell importiert die EU die Hälfte ihrer Energie­träger und 75 bis 100 Prozent der meisten Metallen. Auch das deutsche Ressourcen­effizienz­programm ProgRess sei kein reines Umwelt­schutz­programm, sondern solle zugleich die Wett­bewerbs­fähigkeit sichern, erläuterte Dr. Christoph Epping, Unter­abteilungs­leiter im Bundes­umwelt­ministerium. Die dritte Auflage von ProgRess stuft 26 Maß­nahmen als prioritär ein, darunter die Förderung von material- und energie­effizienten Produk­tionsverfahren.

 

Kunststoffe im Fokus

Auf das Recycling von Kunst­stoffen legte die PIUS-Konferenz ein besonderes Augen­merk. In den vergangenen drei Jahr­zehnten habe sich die Menge an Plastik­verpackungen verdoppelt, erklärte Olaf Bandt, Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Natur­schutz Deutschland (BUND), während der Podiums­diskussion am zweiten Veranstaltungs­tag. Er forderte eine inter­nationale Verein­barung zum Umgang mit Kunst­stoffen, analog dem globalen Klima­schutz­abkommen.

 

Podiumsdiskussion mit Timothy Glaz (Werner & Mertz GmbH), Daniel Schenk (Scheplast), Dr. Tanja Busse (Moderation), Olaf Bandt (BUND) und Dr. Andreas Kicherer (BASF)

 

Die Diskussions­runde ging zudem auf verschiedene Techniken der Kunst­stoff­verwertung ein. Dr. Andreas Kicherer, Director Sustainability Strategy beim Chemie­konzern BASF, stellte das chemische Recycling vor. Das Verfahren wird in vielen EU-Ländern derzeit propagiert, denn es pyrolysiert aus­gediente Kunst­stoffe zu einem Öl als Alternative zu fossilen Roh­stoffen. Bandt hingegen kritisierte, dass die Technik viel Energie verbrauche und zu schad­stoff­belasteten Produkten führe. Auch Timothy Glaz, Leiter Corporate Affairs bei Werner & Mertz in Mainz, dem Hersteller von Reinigungs­mitteln der Marke Frosch, bevorzugt das mechanische Recycling, basierend auf der Zer­kleinerung und sorten­reinen Trennung von Plastik­müll. Verpackungen für Frosch-Produkte stellt Werner & Metz bereits zu 100 Prozent aus einem Mix aus recycelten PET-Getränke­flaschen und Abfällen aus dem Gelben Sack her.

Kunststoffe sind aus unserem Alltag nicht mehr weg­zu­denken. Gleich­wohl müsse Schluss sein mit Einmal­artikeln aus Plastik, sagte Diskussions­teilnehmer Daniel Schenk, Geschäfts­führer des Familien­unternehmens Scheplast, einem Produzenten von technischen Kunst­stoff­teilen im baden-württem­bergischen Schwendi. Getreu dem Motto „Einweg ist kein Weg“ hat Schenk Aufträge zur Produktion von Einmal­produkten durchaus schon abgelehnt. Ein Drittel der Kunststoffe, die Scheplast verarbeitet, basieren auf recycelten oder nach­wachsenden Roh­stoffen. Schenk stellte aber klar, dass selbst bio­basierte und bio­abbau­bare Kunst­stoffe das Plastik­problem nicht pauschal lösen.

 

Von Brot bis Beton: Praktizierte Nachhaltigkeit

Neben dem Schutz von Ressourcen rückt die soziale Verträg­lichkeit für immer mehr Betriebe in den Fokus. „Mit Ethik sind wir erfolgreich“, sagte Volker Schmidt-Sköries, Eigen­tümer der Bio­bäckerei Kaiser aus Wiesbaden, in seinem Plenar­vortrag. Die soziale Aus­richtung des Unternehmens äußert sich zum Beispiel in einer Gewinn­beteiligung der rund 270 Mitarbeiter und der Getreidebauern.

 

  • Volker Schmidt-Sköries, Eigentümer Kaiser – Die Vollkornbäckerei GmbH. Foto: Dennis Möbus
  • Dr. Tanja Busse und Volker Schmidt-Sköries Gespräch zu „Der Bäcker und sein Brot – ethische Unternehmens­führung“. Foto: Dennis Möbus

 

Dass sich sogar Beton­steine nachhaltig produzieren lassen, erfuhr man im Abschluss­vortrag von Johannes Schramm, Mitglied der Geschäfts­leitung und Leiter der Produktion bei Rinn im hessischen Heuchelheim. Das Unternehmen, Preis­träger des Deutschen Rohstoff­effizienz­preises 2020 und des Deutschen Nachhaltig­keits­preises 2018, steigerte den Anteil an Recycling-Rohstoffen in seiner Produktion in den vergangenen fünf Jahren von fünf auf elf Prozent. Rinn bereitet Produktions­abfälle, Splitt und Sand auf und arbeitet am Recycling von bereits verbautem Beton. Außerdem nutzt das Unternehmen Öko­strom – aus Wasser­kraft, Photo­voltaik und Geo­thermie – sowie in unter­irdischen Tanks gesammeltes Regenwasser.

 

Johannes Schramm über „Nachhaltigkeit und Rohstoffeffizienz bei einem familiengeführten Betonwarenhersteller“

 

Man mag kritisieren, dass Zement, die Grund­zutat von Beton, über fünf Prozent der welt­weiten CO2-Emissionen verursacht und damit zu den Klima­killern zählt. Dennoch steht Rinn für den eingangs von Keynote-Sprecher Wackernagel geforderten Perspektiv­wechsel. Jeder müsse sein eigenes Boot flicken, hatte Wackernagel betont, statt darauf zu warten, dass erst der andere seine Löcher abdichte. Die PIUS-Länder­konferenz stellte viele Unternehmen vor, die das bereits verinner­licht haben. Allen anderen vermittelte sie hilfreiche Instrumente für den Übergang in eine ressourcen­effizientere Wirtschaft.

 


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